aus dem Solinger Tageblatt vom 27.04.2026 „Unterstützung aus dem EXIL“

Die, die uns eigentlich beschützen sollten, griffen uns an“

Unterstützung aus dem Exil: Sie weiß, wie es ist, gegen eine Diktatur zu kämpfen

Lia Gabriela Ruiz Montes erinnert an den achten Jahrestag der brutal unterdrückten Protestbewegung in Nicaragua.

Lia Gabriela Ruiz Montes erinnert an den achten Jahrestag der brutal unterdrückten Protestbewegung in Nicaragua.
Quelle: Tim Oelbermann

Diktatur in Solingens Partnerstadt – vor acht Jahren wurden mehrere friedliche Proteste gegen die sandinistische Regierung brutal vom Militär unterbunden. Die Mitorganisatorin eines Aufstandes berichtet in Solingen darüber, wie es ist, gegen eine Diktatur zu kämpfen.
Von Isabell Müller

Es gibt zwei verschiedene Arten von Repressionen, die sie unter der Gewaltherrschaft in Nicaragua erlebt hat, erzählt Lia Gabriela Ruiz Montes. Einmal die direkte und körperliche Gewalt und zum anderen die indirekte psychische Belästigung. 2018 hat sie beides als Mitorganisatorin von studentischen Protesten selbst erlebt. Damals hat sie die US-amerikanische Universität in Managua besucht und wollte gemeinsam mit anderen Studierenden gegen die neuen Sozialreformen demonstrieren. Sie wollten für die älteren Leute einstehen, denen, in einem ohnehin von Armut geprägten Land, die Rente gekürzt werden sollte. 

Protest endete mit Toten

Als friedlicher Protest gedacht, kam es schnell zu brutalen Übergriffen des Militärs. „Die, die uns eigentlich beschützen sollten, griffen uns an“, berichtet die 30-Jährige auf Englisch. Insgesamt 35 Menschen verloren an diesem Tag ihr Leben. „Ich habe die Körper gesehen. Alle sind durch einen Kopfschuss getötet worden“, schildert Lia Gabriela Ruiz Montes die traumatischen Erlebnisse.

Verhaftung und Gefängnis

Als sie im August 2018 dann zu einem anderen Protest aufbrechen wollten, wurden sie und 16 weitere Studenten von der Polizei aufgehalten und festgenommen. 32 Stunden lang war sie im Gefängnis. „Wir hatten Glück. Wir wurden nur so schnell wieder entlassen, weil die Presse das mitbekommen hat“, erzählt die Studentin. Mittlerweile hieße so eine Verhaftung oft nicht nur Gefangenschaft, sondern auch Tod.

Ich denke, viele wissen nicht, was in meinem Land gerade eigentlich los ist.

Lia Gabriela Ruiz Montes (Aus dem Englischen übersetzt)

Psychische Gewalt

Neben körperlicher Unterdrückung erfuhr die Protest-Organisatorin auch psychische Gewalt. Die Polizei lauerte ihr auf und stand immer wieder mit einem Wagen vor ihrer Haustür. Ihre Nachbarn wurden über sie und ihren Verbleib ausgefragt. Als ihr im privaten Umfeld Gewalt angetan wurde, verfolgte die Polizei die Anzeige nicht. Irgendwann sieht die Studentin keinen Ausweg mehr und entscheidet sich zu fliehen.

Flucht ins Exil

Niemand sei auf so eine Situation vorbereitet. Lia Gabriela Ruiz Montes floh erst nach Italien und dann nach kurzer Zeit nach Deutschland. Seit zwei Jahren lebt sie nun in Hamburg im Exil. Um die 800 Geflohene haben sich dort vernetzt und bangen um die Entwicklungen in Mittelamerika. In einem fremden Land, ohne Familie, mit einer fremden Sprache, müssen sich viele dann noch um abgelehnte Asylanträge kümmern. Lia Gabriela Ruiz Montes’ Zukunft ist noch ungewiss. Wo genau es für sie hingeht, wisse sie bisher nicht. Engagieren werde sie sich aber weiterhin in Oppositions- und in Solidaritätsgruppen. 

Wie der Verein weiterhin hilft

Seit 40 Jahren ist die Stadt Jinotega in Nicaragua Partnerstadt von Solingen. Bis 2018 gab es einen regen Austausch, der mit der Gewaltherrschaft erst abnahm und letztendlich fast komplett zerbrach. Wie viele andere Vereine wurde die Partnerorganisation „La Cuculmelca“ vor Ort geschlossen. „Dann standen auf einmal 34 Mitarbeiter auf der Straße“, so Hans Wietert-Wehkamp aus dem Vereinsvorstand. Trotz allem versucht der Förderverein weiterhin und in einem gesicherten Rahmen, das Engagement von einzelnen Gruppierungen zu unterstützen. Neben Spenden, helfen auch Aufmerksamkeit und Solidarität.